Promotionsprojekt - Architektur und Referenz. Re-Use von Material und Motiv

Die ‚Wiedernutzung‘ des Motivschatzes der (Geschichte) der Architektur kann als ein konsistentes Leitthema des Entwerfens angesehen werden. Architektur agiert als angewandte Kunst und Technik immer in einem Netzwerk aus Bezügen und Referenzen, da sie einerseits auf den Bestand und seine Vorgaben reagieren muss und da sie sich andererseits als künstlerische Disziplin in einem determinierenden kulturgeschichtlichen Rahmen bewegt.

In der Gegenwartsarchitektur und insbesondere im Bereich des Bauens im Bestand beobachten wir derzeit wieder einmal eine hohe Konjunktur in der Verarbeitung von Referenzen: Dabei ist bemerkenswert, dass das Berufen auf Bestehendes, das Bekennen zu Vor- oder Bezugsbildern nicht entgegen dem Innovationswillen, dem Paradigma des Neuschaffens von Entwerferinnen und Entwerfern stehen muss, sondern im Gegenteil, auch im Sinne der ‚Kreislaufwirtschaft‘ der Motive und Materialien dieses als zukunftsleitend weil ressourcenschonend angesehen wird.
Das Forschungsprojekt soll sich konkret einem Aspekt des Re-Use widmen, dem fachspezifischen, fallbeispielbasierten Bildgebrauch im Entwerfen, der mit wiederkehrenden Motiven arbeitet. Es zählt zu den überzeitlichen Methoden künstlerischer, architektonischer, also entwerfender Praxis, dass Bilder Mittel und Werkzeuge sind, um begründete Referenzen herzustellen und konzeptionell zu verarbeiten. Doch unterscheiden sich die Grade des Bekenntnisses zum (Vor-)Bild als Referenz und als Entwurfsgrundlage zu unterschiedlichen Zeiten deutlich. Heute sind es vor allem digital produzierte und/oder verfügbare Bilder, die in allen Entwurfs- und Bauphasen eine Rolle spielen. Bilder - als vorgängige, begleitende, vermittelnde sowie die Rezeption steuernde Referenzen - werden in frühen Entwurfsstadien als Inspirationsmittel oder Formanreger genutzt, sie erzeugen Vorstellungsräume und dienen als wichtiges Werkzeug zur Überzeugung der Auftraggeber*innen und der Öffentlichkeit.

Zwei grundsätzliche Forschungsfragen dieses Projektes sind demzufolge:

    Wie lässt sich die ‚Entwurfsfähigkeit‘ von Bildreferenzen feststellen, untersuchen und systematisieren?
    Und wie beeinflusst die ubiquitäre (digitale) Verfügbarkeit der (Vor-)Bilder das Entwurfsdenken und -handeln?


Methodische Fragen:

Forschungsgegenstände sind gegenwärtige, aber auch historische Entwurfs- und Planungsbeispiele, die in sinnstiftende, bewältigbare Kontexteinheiten gruppiert und auf bestimmte Bildgebräuche hin untersucht werden sollen. Folgende vier Leitthemen (Bildverwendungspraxen) geben den Rahmen vor, um Vertiefungsfragen an das Forschungsmaterial zu stellen, mit denen sich die Doktorandin oder der Doktorand auseinandersetzen soll:

    Konstitutive Praxen
    Welches Erkenntnisinteresse verfolgen Architekt*innen beim Heranziehen von Motiven? Aus welchen historischen, kulturellen und materiellen Kontexten werden die Bilder und Motive entnommen? Wie werden sie gesammelt, archiviert und für die Entwurfspraxis zugänglich gemacht und bereit gehalten?

    Kognitive Praxen
    Wie beeinflussen das Kategorisieren und Zuordnen von Vorbildmotiven das nachfolgende Entwurfshandeln? Welche Medienformen spielen dabei eine Rolle? Welche Erkenntnisprozesse stecken in Bildvergleichen?

    Künstlerische Praxen
    Welche Übersetzungsleistungen im Sinne künstlerischer Operationen geschehen vom Vorbild zum Entwurf? Wie werden Dimensionswechsel von 2D zu 3D vorgenommen?

    Repräsentierende Praxen
    Wie beeinflussen Bilder bereits während oder nach Ende eines Bauprozesses die Rezeption des Projektes? Welche Bildstrategien kommen in der Vermittlung komplexer oder kontroversieller Vorhaben zum Tragen?

Für alle vier Gebrauchsarten sind auch bauhistorische Fundierungen in die Erforschung miteinzubeziehen, die entweder dazu dienen können, jeweilige Traditionslinien aufzuzeigen oder gegenteilig, den gegenwärtigen Bruch mit eingeübten Praxen zu konstatieren.

Inhaltliche Rückfragen an: evamaria.froschauer[at]bht-berlin.de